Die Leseprobe umfasst die ersten beiden Kapitel des Romans "Die Missionarin." Falls ihr Feedback oder Anregungen habt oder Interesse daran, die komplette Geschichte als Testleser*in zu erfahren, bitte schreibt mir unter hagengeyer@tutamail.com oder hier auf Neocities. Ein Exposé kann ich auf Nachfrage ebenfalls zur Verfügung stellen.
„Und dann möchte man hingehen und das Wissen von Gott den anderen predigen, den Heiden. Weil man nun weiß, wie blind sie sind, und wie einfach es ist, zu sehen. Nein, nicht nur eine Kirche; eine Mission. Die Mission. Und man lernt die Mission, und man kommt mit der Mission heraus. Sie waren keine Forscher. Sie waren Missionare, brachten die Wahrheit, brachten sie den anderen Rassen und den zukünftigen Rassen, all den armen, verdammten Heiden draußen in der Dunkelheit. Sie kannten die Antwort und wollten, daß wir alle die Antwort kennenlernten. Wenn man die Antwort kennengelernt hat, zählt sonst nichts mehr. Es ist gleichgültig, ob Sie ein guter Mensch sind, oder ein schlechter, ob ich ein intelligenter Mensch bin, oder ein dummer. Nichts mehr, was uns betrifft, spielt noch eine Rolle, nur, daß wir triviale Gefäße der großen Wahrheit sind. Die Erde ist unwichtig, die Sterne sind unwichtig, alles ist unwichtig. Nur Gott ist.“
- Die zwölf Striche der Windrose: Sehbereich, Ursula K. Le Guin, S. 292
Kapitel 1: Die heilige Mission
Kapitel 2: Das Herz der Demokratie
Die Heilige sprach Perlen und Gold. Der prasselnde Regen aus Kostbarkeiten ging auf die marmorweißen Stufen hernieder, die bis zu ihren nackten Füßen anstiegen. Ihre Augen waren aus den gleichen Münzen gemacht wie ihre Worte, silbernes Haar ergoss sich über breiten Schultern wie feinste Seide. Sie brauchte keine großartigen, pompösen Gesten: Schon der Wink ihres kleinen Fingers reichte, um die Aufmerksamkeit aller im Raum zu fesseln, um Hunderte ihren ganzen Körper in die Richtung ihres Fingerzeigs weisen zu lassen.
Vor ihr – in Reih und Glied – hoch aufragende Gestalten, gekleidet in schepperndes, blitzendes Metall. Totenstill stehend, wie Engelsstatuen auf dem Friedhof für immer in Momenten großartigster Emotionen eingefroren. In zwei Reihen, getrennt von einem prunkvollen, weinroten Teppich wie zwei weit entfernte Ufer oder zwei Seiten eines Spiegels.
Meren fragte sich instinktiv, auf welcher sie selbst stand. Gehörte sie zu der realen Welt, real wie ihr bisheriges Leben zwischen Rüstungspolieren, Pferdescheißeschippen und Waffenschleifen? Oder konnte auch sie Teil der Traumwelt sein, die die Heilige in ihrer Rede beschwor, eine Pilgerin in göttlicher Mission, eine Wallfahrerin mit Sonderbefugnissen, eine Sprecherin IHRES Wortes?
Dieser Gedanke verflog schnell. Es war nicht ihre Aufgabe, zu träumen. Was, wenn sie sich mit einer Bewegung verriet, weil ihr wacher Körper den unsinnigen Ideen ihres schlafenden Kopfes folgte? Doch je mehr sie sich zwang, stillzuhalten, desto aufgeregter wurde sie. Schon schien ihr, als sei ihr Brustkorb nur eine Scheibe Glas, sodass jede:r im Raum ihr wild pochendes Herz, das seinen gläsernen Käfig sprengen zu wollen schien, erblicken konnte.
„Ihr, die ihr hier versammelt seid“, fuhr SIE fort, „seid meinem Ruf aus allen Landen gefolgt. Ihr habt alle Beschwerlichkeiten der Reise auf euch genommen, um heute an diesem Punkt zu stehen.“
Oh ja, die Beschwerlichkeiten. Sie erinnerte sich nur zu gut an den Tag, an dem der Regen sich endlich wieder in die rasch forteilenden Wolken verzogen hatte, an dem sie Hoffnung geschöpft hatte, dass sich die Situation von nun an bessern würde. Keine Stunde später hatte sie mit dem Kutscher und einem anderen Knappen hinter dem Wagen gestanden, jede:r von ihnen mit der Schulter dagegen gepresst, bis sie zu zerspringen drohte. Schlimmer als der Schmerz, die Angst: Dass ihr Ritter nicht mehr mit ausdrucksloser Miene von seinem Schimmel auf ihre fruchtlosen Bemühungen herabblicken, sondern ihn zum Umdrehen bewegen und einfach wegreiten würde. Dass ihre Tage als Knappin gezählt waren. Und vor allem, dass sie die Zeremonie der Ernennung verpassen würde.
Nichts davon war eingetreten. Sie hatten den Wagen zu dritt aus dem Matsch gewuchtet und im Stillen dem Heiligen Feuer gedankt, dass sie den Großteil ihres Proviants schon verbraucht hatten. Mit dreckigen Schuhen und Hosensäumen waren sie wieder auf den Wagen geklettert und losgerollt, den edlen Herrn an der Spitze, seine Rüstung so leuchtend wie sein Ross.
„Und doch gibt es unter euch nur eine Person, die diese Aufgabe erfüllen kann. Jede:n von euch habe ich im Traum gesehen, in der Vision, und ich wusste, dass ich euch alle an diesen Ort, in diese Halle rufen musste, um die Entscheidung abzuwarten. Doch lasset Eines gesagt sein, bevor ich mich in die Trance der Offenbarung begebe: Es hätte jede:r von euch sein können. In einer anderen Welt, in einem anderen Leben, wart ihr es.“
Damit schloss sie die Augen. Der Wasserfall ihrer Stimme, der sanft, und doch in jedem Winkel der Kathedrale hörbar geplätschert hatte, und von dem sie wusste, dass er sich jeden Moment in einen reißenden Strom verwandeln konnte, als ob die Sturmwinde des Heiligen Feuers ihn aufgepeitscht hatten, versiegte.
Zwischen ihren geschlossenen Lidern, dort, wo die Ansätze ihrer Wimpern aus Goldfäden die Haut ihres elfenbeinartigen Gesichts berührten, brach ein Lichtschein hervor, Sonne zwischen den Wolken. Wie von Scheinwerfern eines heranrollenden Zuges wurde der Saal ausgeleuchtet, wurden kristallene Kronleuchter, schwanger von schweren Diamanten, zum Funkeln gebracht und selbst die Ritter:innen gezwungen, ihre eigenen Augen zusammenzukneifen, um nicht von IHRER Herrlichkeit in den Wahnsinn getrieben zu werden.
„Es wurde gesprochen!“
Wie ein Paukenschlag fuhr die Stimme Meren durch den zitternden Leib. Ihre Beine hielten, gerade so, und die Kakophonie des Schepperns, Metall auf Metall, die sich durch den Raum fraß, bewies, dass es nicht nur ihr so ging.
Plötzlich begannen ihre Schatten, zu tanzen. Sie verformten sich grotesk, wurden mal kürzer und mal länger, verdrehten sich und sprangen von Deckung zu Deckung. Nur die Heilige, die wie die Galionsfigur einer Meerjungfrau an den Bug dieses schwankenden Schiffes genagelt war, warf keinen. Ihre Blicke wurden von einer neuen Sonne angezogen, die über ihnen schwebte, wie ein Engel aus unzähligen rotierenden Ringen, die mit kristallklaren Augen gespickt waren.
Langsam sank das Licht herab. Meren hatte instinktiv den Atem angehalten, doch wagte es nicht, ihn auszustoßen, als sie sich dessen klar wurde. Sich der Widersinnigkeit ihrer Tat bewusst, riss sie die Augen auf, bis sie herauszufallen drohten. Das gleißende Licht drang tief in ihr Bewusstsein vor und ließ sie Funken und Blitze sehen, bis es ihr gesamtes Blickfeld ausfüllte und sie sein kaltes Gleißen auf dem Haupt spüren konnte.
Die Kälte wurde unerträglich, ihr Haar gefror zu Raureif und ihre Glieder knarzten wie erstarrte Winterbäume im Sturm. Obwohl sie weiterhin tränend nach vorne starrte, konnte sie die tausenden Augen, die sie beobachteten, ihr Schwanken und Wanken registrierten, nicht wahrnehmen. Dann war der Spuk vorüber.
Ohrenbetäubende Stille löste das Sausen ab, das die lichtene Sphäre in ihren Ohren hinterlassen hatte. Dann erneutes Scheppern, als sie alle auf die Knie fielen. Nur Meren selbst blieb stehen, noch stocksteif gefroren und viel zu verwirrt, um ihrer antrainierten Ehrerbietung zu folgen.
„So sei es! Meren Feuererwählte, es wird Eure Mission sein.“
Dann wurde alles weiß.
·
Sie fand sich in der Stube ihres Ritters wieder, ausstaffiert in feinstem Zwirn. Weit entfernt von den wallenden, roten Roben der Heiligen, doch vielleicht gleichgestellt mit den Kleidern ihres scheinbar ehemaligen Herrn. Sie fühlte sich eingeengt und in Form gepresst, doch ein gewisser Stolz hatte sich in ihrem gequetschten Herzen eingenistet.
Es war mitten im Gespräch: „Hier ist die Karte. Betrachtet sie nur, wenn Ihr vor fremden Augen sicher seid. Und hütet sie besser als jedes andere Stück eurer Ausrüstung, denn sie ist viel wertvoller als euer Pferd oder Schwert!“
Damit überreichte er ihr das weinrotes Futteral, verziert mit goldenen Stickereien und Brillanten. Diese wunderschönen Ornamente bereiteten ihr einige Schwierigkeiten bei dem Versuch, die Karte herauszuziehen und zu betrachten, ihre neugeborenen Hände wagten es kaum, sie zu beschmutzen. Umständliche Minuten später hatte sie sie unter dem misstrauischen Blick des Ritters auf dessen schweren Holztisch ausgebreitet und folgte den Linien ihrer bevorstehenden Reise mit schwebendem Fingern, von Siedlung zu Siedlung, von Burg zu Burg.
„Meine Mission“, murmelte sie und zog den immer schwerer zu werden drohenden Finger zurück, bevor er das Pergament berühren konnte.
„Es ist der Moment gekommen, an dem Ihr alles einsetzen werdet, was ich Euch beigebracht habe“, sagte Ignatius würdevoll.
Er wollte wohl in ihrem Geist ebenfalls mit auf diese Reise gehen. Sie konnte es ihm nicht verübeln – Sie, die Ähnliches schon praktiziert hatte, bevor sie überhaupt offiziell in seine Dienste eingetreten war. Und er hatte ja recht, sie hatte auf den Ausflügen mit ihm mehr gelernt als jemals zuvor in ihrem Leben.
„Ich danke Euch.“
Hoffentlich hatte sie sich nicht so gönnerhaft angehört, wie sie sich gefühlt hatte. Sie biss sich auf die Lippen und schalt sich insgeheim eine Närrin. Hatte sie jetzt schon eine Lektion in Demut nötig, wenige Stunden nach der Verkündung? Wie sollte es ihr erst ergehen, wenn sie ihre Mission erfolgreich abgeschlossen hatte und zu IHRER Kathedrale zurückkehrte?
Würde sie dann noch in der Lage sein, das Knie zu beugen und den Kopf zu senken? Das Lächeln auf ihren Lippen erlosch und sie probte, indem sie nun eine Verbeugung vor ihrem ehemaligen Dienstherrn andeutete, bevor sie die Karte wieder einrollte, in ihr Gefängnis schob und dieses mit dem daran befestigten Gurt über ihre Schulter schlang.
„Geht mit meinem Segen.“
Sie drehte sich um und verließ sein viel zu kleines Zimmer mit forschem Schritt. Ihre glänzenden Stiefel stellten den abgetretenen Dielenboden in den Schatten, die seit Jahren nicht mehr polierte Türklinke war eine Beleidigung für ihren Wildlederhandschuh, doch sie scheute sich trotzdem nicht, sie herunterzudrücken und die Tür hinter sich zu schließen.
Gedanklich war sie längst nicht mehr in den engen, dunklen Gängen, die sie durch den Verdauungstrakt des Anwesens führten, bis sie schließlich die Speiseröhre erklomm und die Bestie durch ihr stachelbewehrtes Maul verließ. Nein, ihre neue Realität sah ganz anders aus, auch, als das Hochgefühl langsam erlosch und einer gewissen Unsicherheit Platz machte.
War sie überhaupt bereit für diese Mission? Bei genauerer Betrachtung war es Wahnsinn, dass sie die Auserwählte sein sollte. Oder es wäre Wahnsinn gewesen, wenn sie das Heilige Feuer verleugnet hätte, was ihr niemals im Traum eingefallen wäre. Sie war vielleicht eine seiner niedersten Dienerinnen, doch sie war verdammt noch mal eine seiner Dienerinnen. Und genau das würde sie auch tun: Dienen.
Und es schwebte ja auch nicht alles in der Luft: Sie hatte eine Karte, auf deren Rückseite die Namen aller Menschen standen, die sie aufsuchen musste. Und nach all den Jahren, in denen sie als Anhängsel von Herrn Ignatius durch die Gegend gelaufen war, wusste sie, wie es auf den Straßen dieses Landes zuging, worauf sie bei ihren Unterkünften achten musste und von welchen Gegenden sie sich besser fernhalten sollte. Vielleicht war die Wahl auch gar nicht so abwegig. Immerhin hatte ihr Herr niemals auf dem Markt einkaufen oder um den Preis einer Übernachtung feilschen müssen.
Ausgespien und leicht ratlos stand sie vor dem Anwesen, dessen Schatten auf sie fiel und sie frösteln ließ, weil die Kühle sie an ihre Begegnung mit dem Feuer erinnerte. In der Ferne bereitete sich eine Jagdpartie – Pferde, Hunde, Adelige – auf ihren Aufbruch vor, Gelächter schallte herüber und durchbrach die Stille.
„Meren Feuererwählte, Eure Exzellenz?“, fragte eine sanfte Stimme von der Seite an und sie bedurfte all ihrer Konzentration, um nicht zusammenzuzucken, sondern sich langsam und gemessen in die entsprechende Richtung zu drehen.
An den neuen Beinamen hatte sie sich noch nicht wirklich gewöhnt, immerhin hatte sie die bisherigen fünfundzwanzig Jahre ihres Lebens keinen besessen. Wie auch, keine:r ihrer Vorfahr:innen hatte sich bisher durch eine Tat ausgezeichnet, die diese Ehre gerechtfertigt hätte. Wobei sie selbst ebenfalls nur zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen war. Doch sie würde ja nicht länger tatenlos bleiben.
„Ja?“
„Wir sind hier, um Euch an das erste Ziel Eurer Reise zu bringen. Vorher sollen wir Euch jedoch zu Eurer Unterkunft für die Nacht geleiten.“
„Ich… danke Euch.“
An ihrer Verwirrung hatte sich nichts geändert, denn vor ihr stand neben dem jungen Mann in eleganter Kleidung, der sie angesprochen hatte, eine Art kleine Kutsche. Sie war wunderschön, erinnerte ein bisschen an die Kürbiskutsche in einem Märchen, das ihre ältere Schwester ihr einmal erzählt hatte. Von ihrer Form jedenfalls, denn sie schien aus Gold gemacht zu sein, mit einem Vorhang aus Perlen, der in ihr Inneres führte und leise im Wind klimperte. Auch das Äußere war kunstvoll verziert, ähnlich wie der Futteral, der schwer an ihrem Gürtel wog.
Die Dekorationen erzählten Geschichten, die, wie sie bei genauerer Betrachtung feststellte, alle aus dem Leben der Heiligen stammten: Ihre Erfolge, ihre Kämpfe, ihre Gegner:innen. Und natürlich ihr großer Triumph, der Moment, in dem das Heilige Feuer sie berührte und nicht verbrannte, sondern sie stärker denn je aus den Flammen hervorgehen ließ.
„Steigt doch ein, wenn Ihr wünscht.“
Sie wollte sich nicht lächerlich machen, indem sie fragte, wo denn die Räder oder die Pferde waren, also nickte sie würdevoll und tat, wie ihr geheißen. Innen fand sie sich inmitten von plüschigen Polstern und seidigen Kissen wieder. Der Boden war mit einem bestickten Teppich verziert, auf den sie es fast nicht wagte, ihre Füße zu stellen.
Als ein Ruck durch das merkwürdige Gefährt ging, hätte sie fast den Halt verloren und wäre von der Bank gerutscht. Sonderlich schlimm wäre das nicht gewesen, denn sie wäre weich gefallen. Trotzdem klammerte sie sich an einem der Kissen fest und wagte es erst nach einigen Minuten schaukelnder Fahrt, den Perlenvorhang vor dem Fenster beiseite zu ziehen und die Landschaft zu genießen.
Die Parkanlage mit ihren Rosen, ihren akkurat in die Form von Flammen oder Drachen geschnittenen Büschen und weißen Springbrunnen hüpfte auf und ab, im Gleichschritt mit den Dienern, die ihre Kutsche trugen. Mit staunendem Blick besah sie die bunten Blüten und Wasserspiele, die sie den gesamten Weg vom Anwesen der Ritter:innen bis zu ihrer neuen Behausung begleiteten.
Als die Kutsche zum Stehen kam, seufzte sie enttäuscht. Ihr sich drehender Kopf kam zur Ruhe, ließ sie jedoch verwirrt und auch ein bisschen sehnsüchtig zurück. Wie schade, dass sie direkt am nächsten Morgen aufbrechen und keine Zeit dafür haben würde, sich dieses Paradies aus nächster Nähe anzusehen.
Der klimpernde Vorhang wurde auseinandergezogen. Dahinter der Diener, der sie eben eingeladen hatte – oder einer seiner Kollegen, denn sie waren alle komplett gleich gekleidet. Mit einer Verbeugung und einem Wink bat er sie, die Kutsche zu verlassen. Sie nickte ihm zu und trat hinaus auf den weißgrauen Marmorstein, der sie wie auf Wolken bis zum Eingangsportal schweben ließ, das für sie geöffnet wurde.
In der darauf folgenden Halle musste sie erst einmal stehen bleiben, um sich zu orientieren. Zahlreiche Treppen gingen von ihrem mit rotem Teppich bedeckten Boden aus, schraubten sich in Spiralen bis in luftige Höhen, wo sie in den Wolken verschwanden. Beschilderungen hingegen konnte sie nicht ausmachen, wie ihr unterbewusst auffiel, während sie noch den Wasserfall bestaunte, der sich aus unbekannten Gefilden weit über ihrem Kopf in ein goldenes Becken ergoss. Immer, wenn Wasser über den Rand spritzte, war eine Dienerin mit einem Mopp zur Stelle, um den Boden wieder blitzen zu lassen.
Ein Diener, sie wusste nicht, ob sie ihn schon einmal gesehen hatte, trat von einer der Treppen herunter, verbeugte sich. Seine weißen Handschuhe kontrastierten perfekt mit seinem schwarzen Anzug, der im Licht der Kronleuchter glänzte, als könne er poliert sein.
„Eure Exzellenz, bitte folgt mir. Ich habe Euch bereits ein Bad eingelassen.“
Ohne abzuwarten, ob sie seiner Bitte Folge leisten würde, drehte er sich auf dem quietschenden Absatz seines Lackschuhs um und wählte eine der Treppen aus, die sie nicht von den anderen hätte unterscheiden können. Er hingegen stieg sie hinauf, als gäbe es die dutzenden anderen Möglichkeiten gar nicht.
Sie folgte ihm durch Gänge, deren Decke in Dunkelheit verschwand, die sich umso beengter anfühlten, weil tausende Augen sie von den Porträts an den Wänden anstarrten. Mehrfach versuchte sie, sie dabei zu erwischen, wie sie ihr mit ihrem starren Blick folgten, doch sie taten jedes Mal so, als würden sie sich gar nicht für diesen Eindringling interessieren. Wen sie abbildeten, konnten sie nicht sagen, doch alle waren sie ähnlich ausstaffiert wie sie selbst.
Nach Minuten im Labyrinth gelangten sie zu einer Tür, die gerade durch ihre Pracht in dieser Umgebung nicht herausstach. Der Diener stieß sie mit elegantem Schwung auf. Heiße Luft drang in Nebelwolken hinaus und hinterließ Tauspuren auf dem roten Teppich, der ihre Schritte bis hierhin gedämpft hatte.
Jetzt klackten ihre Schuhe auf Fliesen, jede davon mit einem eigenen Motiv handverziert. Sie konnte sich gar nicht auf ihre Gestaltung konzentrieren, sondern stolperte einfach nur bis zu der goldenen Badewanne in Form eines Löwen: Die obligatorischen Pfoten trugen das Monstrum, doch sein sonst so starkes Rückgrat war ausgehöhlt und mit dampfendem Wasser gefüllt worden.
„Ruft einfach, wenn Ihr mich benötigt“, verabschiedete sich der Diener taktvoll und schloss die Tür hinter sich.
Mitten im sich Entledigen ihrer Jacke setzte ihr Herz aus. Sie hatte die zwei Frauen, die neben dem Fenster bereit standen wie Statuen, gar nicht gesehen. Während sie so taten, als hätten sie ihren Schock nicht bemerkt, verboten sie sich weiterhin jede Regung und starrten stumm geradeaus.
„Ent… schuldigung?“, versuchte sie es, ihren rasenden Puls hoffentlich überspielend.
„Können wir Euch helfen?“
Die Art und Weise, wie sie antworteten, überzeugte sie davon, dass sie nichts Merkwürdiges an ihrem Verhalten finden konnten. Was wiederum bedeutete, dass ihr Erschrecken an ihr selbst lag und sie besser nicht zeigen sollte, wie absonderlich ihr die Idee dieses Bades in Begleitung vorkam. Wenigstens hatte einer der Diener den Anstand besessen, vorher durch die Flügeltür zu verschwinden.
„Nicht direkt…“
Ihre leicht zitternden Finger zögerten, die Knöpfe ihrer Jacke zu öffnen. Misstrauisch beobachtete sie die zwei Frauen, während sie das unverfänglichste ihrer Kleidungsstücke aufknüpfte, doch diese hatten mehr Interesse an der Luft hinter ihr. Immerhin bedeutete das, dass sie ihre Aktion keineswegs anstößig fanden.
Mit neuem Mut gekürt entledigte sie sich auch des Rests ihrer Kleider. Sie wagte es nicht, sie auf die Bodenfliesen zu werfen, mochten sie auch noch so sauber blitzen, doch der Stuhl neben der Badewanne, die in der Mitte des Raumes thronte, war bereits mit einem neuen Satz ausgestattet worden.
Die Dienerinnen, die ihr Zögern bemerkten, streckten die Hände aus und sie entließ ihre wenige Stunden alte Wäsche dankbar in ihre Obhut. Ihre folgende Flucht in die Wanne, deren Inhalt wie versprochen noch angenehm warm war, ließ einige Wellen des aufgewühlten Ozeans über die Klippe des goldenen Rands schießen. Sofort war eine der Dienerinnen zur Stelle, doch Meren achtete nicht weiter auf sie.
Stattdessen lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Die Erkenntnis, dass ihr altes Leben unwiderruflich vorbei war, begann langsam, sich in ihrem Verstand festzusetzen. Die Hektik der Stunden, die sie bisher als Feuererwählte verbracht hatte, hatten ihr keine Zeit gegeben, genauer über diese vollkommen neue Situation nachzudenken.
Obwohl sie in diesem Gedanken hatte versinken wollen, öffneten sich ihre Augen wieder. Selbst die Decke war verziert, wie sie nun feststellen musste. Ihr Blick folgte den Mustern, bis ihr schwindelig wurde und sie ihn doch wieder abwenden musste. Langsam hatte das Wasser die Zimmertemperatur wieder erreicht und sie damit an den eigentlichen Sinn ihres Unterfangens erinnert.
Der Rest dieses Tages verging im Rausch. Sie wusch sich, zog neue Kleider an, die definitiv anders aussehen als ihre bisherigen – wie genau, konnte sie nicht sagen. Alles war in ihren Erinnerungen zusammenschrumpft, die Unterschiede waren inzwischen nicht mehr auszumachen. Nach einem opulenten Essen fiel sie endlich in das weiche Federbett, ein Diener schloss die Vorhänge an den Seiten und sie war weg, sobald ihr die Augen zufielen.
Nach dem Frühstück wurde sie zu den Ställen geführt, wo ein prächtiger Rappe auf sie wartete. Aus seinen überraschend intelligenten, schwarzen Murmelaugen betrachtete er sie neugierig, während sie zu ihm ging. Sie streckte ihre behandschuhten Finger vorsichtig aus und er näherte sich mit seiner Schnauze, die er sie streicheln ließ.
„Die Sänfte ist für die lange Reise leider nicht praktikabel. Ich hoffe, Ihr könnt damit leben“, erklärte der Diener, vielleicht der vom Vortag, mit den immer gleichbleibenden Kostümen ließen sie sich nicht wirklich unterscheiden.
Sie entgegnete würdevoll „Das stellt kein Problem dar“, da wurde ihr auch schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit beim Besteigen ihres Rosses geholfen, bis sie sicher im Sattel saß, der für ihre Körperform wie gemacht erschien. Mit ihrer glänzenden, neuen Rüstung, dem wohlgeformten Schwert an der Seite und dem Pferd unter ihr kam sie sich vor wie eine frischgebackene Ritterin.
„Wir wünschen Euch eine erfolgreiche Reise“, waren die letzten Worte, die die versammelten und in einem Halbkreis aufgestellten Diener:innen an sie richteten, bevor sie sich komplett synchron verbeugten und der Rappe in einen eleganten Trab verfiel, seinen starken Hals beugend und wie zur Ermutigung schnaubend.
Der erste Abschnitt ihres gemeinsamen Weges war nicht lang. Über die Jahre hatte sie gelernt, Entfernungen recht gut abzuschätzen, und sie war sich sicher, dass sie mit diesem voll ausgeruhten Pferd und ohne schwer beladene Wagen gerade einmal einen halben Tag brauchen würde, um beim Anwesen des Ministers, ihrem ersten Ziel, anzukommen. Vor allem, weil die Wege alle einen gepflegten Eindruck machten.
Die gigantischen Gartenanlagen des Schlosses und seiner Umgebung zu verlassen, dauerte mehrere dieser Stunden. Doch irgendwann wichen die gepflegten und akkurat geschnittenen Büschen ihren wilden Artverwandten, die Blumen standen nicht mehr in Reih und Glied und es huschten auch keine Gärtner:innen mehr zwischen den Hecken hin und her, um ihre korrigierende Hand anzulegen, wo notwendig.
Sie passierte auch einige Grenzposten, doch ihr Pferd trabte einfach an ihnen vorbei, selbst als sie es bei den ersten Malen zum Anhalten zu bewegen versuchte, und die uniformierten Wachen grüßten nur mit ihren geschwenkten Hüten, wenn sie sie passierte. Irgendwann verlegte sie sich darauf, einfach nur ihre Grüße zu erwidern und den Ritt zu genießen.
Das langsam näher kommende Anwesen war nicht zu übersehen. Es thronte auf einem sich sanft aus dem Umland erhebenden Hügel, von ihr getrennt durch eine Obstwiese, die in den buntesten Farben leuchtete. Lachend ritt sie zwischen den ersten Bäumen hindurch, wich den tiefhängenden, prallen Ästen aus und pflückte sich einen Apfel.
Das glänzende Rot bildete einen perfekten Kontrast zu ihrem weißen Handschuh. Nur ihre gelben Zähne störten den Eindruck, als sie in das saftige Fruchtfleisch biss, doch das fiel ihr natürlich nicht auf. Mit nicht abflauen wollender Freude verzehrte sie die Frucht, bevor sie ein Auge zum besseren Zielen zusammenkniff und das Kerngehäuse in hohem Bogen verschwinden ließ.
Die letzten Bissen hatten nicht mehr so gut geschmeckt wie die ersten, doch das schob sie auf den Gewöhnungseffekt. Dem Wurm, der sich von ihr ungesehen aus dem Gehäuse bohrte, als träte er aus seiner Haustür, um sich über die Störung seines Alltags zu beschweren, schien das allerdings nichts auszumachen.
Die sanften Hügel und Felder, die den Übergang des Reichs der Heiligen zu dem des Ministers begleitet hatten, machten nun betonierten Straßen, gesäumt von Bürogebäuden und meisterlich und ohne große Lücken gepflasterten Bürgersteigen Platz. Der Schatten der Bäume musste der Hitze der Stadt weichen, doch zum Glück ragten viele der gläsernen Fronten so hoch auf, dass sie nicht nur Lichtreflexe spiegelten, sondern auch Schatten warfen.
Auf den letzten hundert Metern musste sich selbst ihr Rassepferd anstrengen, um das Tempo beizubehalten. Die Steigung, die aus der Ferne so sanft ausgesehen hatte, hatte es eigentlich doch in sich. Außerdem war sie nun nicht mehr alleine, denn andere Reiter:innen, zu Fuß Gehende und sogar verschiedene Wagen schlossen sich ihr nun an und zogen gemeinsam mit ihr durch die Tore des Anwesens. Nun, gemeinsam war vielleicht etwas übertrieben. In erster Linie wurde sie von denjenigen begleitet, die wie sie zu Pferd waren und nicht vorher kontrolliert werden mussten.
Sie hatte sich keine drei Sekunden im Hof mit seinen grünen Flaggen und seinem geschäftigen Treiben umgeguckt, unangenehmerweise wohl mit offenem Mund, wie ihr hinterher auffiel, als schon eine elegant gekleidete Frau zu ihr eilte. Auf den ersten Blick war sichtbar, dass sie keine Dienerin sein konnte, denn obwohl ihre Business-Kostüm schlicht wirkte, war seine edle Machart offensichtlich. Ihren Hals zierten zwar keine Colliers, doch am Arm trug sie eine Uhr, die sicherlich handgefertigt und unbezahlbar war.
„Willkommen, willkommen!“
Meren sprang schnell vom Pferd, um die ihr angebotene, vom Gewicht der Uhr heruntergezogene Hand zu ergreifen. Sie war warm und ihr Griff angenehm fest, als wäre er durch jahrelanges Üben perfektioniert worden. Ähnlich wie ihr Lächeln, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich die Fremde wirklich so sehr freute, sie zu sehen.
„Mein Name ist Evelina Erhardt. Ich leite dieses Anwesen, zusammen mit meinem Mann Hensen“, stellte sie sich vor.
„Ich bin Meren Feuererwählte. Es freut mich, Euch kennenzulernen.“
„Die Freude ist ganz meinerseits! Kommt doch erst einmal in den Salon. Mein Mann wartet dort mit dem Essen.“
„Liebend gerne.“
Etwas hilflos sah sie sich nach ihrem Pferd um, als Frau Erhardt sie praktisch mit sich zog. Doch das stand schon gar nicht mehr hinter ihr. Möglicherweise war es ja der Rappe dort in der anderen Ecke des Hofes, der sich von einem Diener am Halfter führen ließ, doch auf die Entfernung konnte sie das nicht mehr erkennen.
Das Anwesen, auf dass sich das ungleiche Paar zubewegte, schien vor nicht allzu langer Zeit gebaut worden zu sein. Sein heller Stein war weder von Dreck, noch von den Abschürfungen der Zeit gekennzeichnet, auch wenn er bemüht versuchte, den Eindruck einer Villa mit langer Geschichte zu erwecken.
Auch die großen Fenster, die in der Sonne blitzten und damit in direkter Konkurrenz zu den Bürogebäuden am Fuße des Hügels standen, störten die Atmosphäre, die ohne sie vielleicht als historisch hätte gelten können.
„Wir legen sehr viel Wert auf Transparenz“, sagte ihre Begleiterin mit einem strahlenden Lächeln, da sie ihr Erstaunen wohl beobachtet hatte.
„Ich… verstehe.“
Den Rest des Weges über den weiten Hof, zwischen geparkten schwarzen und grauen Autos hindurch, durch eine Art riesiges Empfangszimmer bis schließlich in ein Büro, das schon bescheidenere Ausmaße an, in dem bereits ein Mann saß, der sich bei ihrem Eintreten erhoben hatte, verließ sich auf Evelinas Führung. Sie war froh, dass diese es übernahm, die silbernen Türknäufe herunterzudrücken, denn nach dem Ritt fürchtete sie, mit ihren eigenen Handschuhen Dreck zu hinterlassen.
Jeder Schritt auf dem blankpolierten, hellen Holzboden machte sie ebenso nervös. Jede Person hier schien genau zu wissen, was sie wollte. Männer und Frauen in blauen oder grauen Anzügen, bewaffnet mit Papierstapeln und Aktentaschen, eilten in diesem Labyrinth, durch das Evelina sie sicher steuerte, von Tür zu Tür. Es wurde genickt und Hände wurden geschüttelt, doch mehr als flüchtige Kontakte blieben nicht.
Erst jetzt sah sie, dass das, was sie der Beschreibung nach wohl für den privaten Wohnsitz des Ministers gehalten hatten, in Wahrheit sein Arbeitsplatz war. Es handelte sich hier nicht um eine normale Villa, sondern einen Regierungssitz. Jedenfalls hatte sie bisher keine Zimmer gesehen, die auf Entspannung, nicht auf Arbeit abzielten.
„Herrn Erhardts letzter Vorschlag hat mir gut gefallen“, vermeinte sie in mehreren Fluren zu hören, als lausche sie einer gesprungenen Platte, oder „Die letzte Rede des Ministers hat mich inspiriert, noch mehr aus dieser Chance zu machen.“ Sein Einfallsreichtum wurde gelobt, ebenso seine Weitsicht und seine charmante Art, mit der er sich selbst bei seinen eigentlichen Konkurrent:innen beliebt machte.
Er selbst begrüßte sie mit einem enthusiastischen Händeschütteln und den Worten: „Es ist solch eine Ehre, Euch hier bei mir bewirten zu dürfen! Mein Name ist Hensen Erhardt, doch das hat Euch meine wundervolle Frau sicherlich bereits gesagt!“
Mit einem Lächeln und einem leichten Nicken des Kopfes zog sich die Angesprochene zurück und überließ die beiden ihrem wichtigen Gespräch.
Überrumpelt wusste sie erst einmal nicht, wie sie antworten sollte und brachte Folgendes heraus: „Danke… Ich bin Meren Feuererwählte. Und ja, das hat sie. Sie hat mich sehr nett willkommen geheißen.“
„Das freut mich. Setzen wir uns doch.“
Er wies mit einer ausholenden Geste auf die Stühle vor und hinter dem Schreibtisch, bevor er selbst an seinen Stammplatz zurückkehrte. Obwohl der Schreibtisch massiv war, wirkte er aufgeräumt und nicht bedrohlich, was ihr einen Teil ihrer Nervosität nahm. Dankbar ließ sie sich auf den schlichten, aber bequemen Stuhl davor sinken.
„Ich… wurde vom Feuer erwählt, um unser gespaltenes Land zu vereinen“, sagte sie also, und: „Ich soll mich mit möglichst vielen verschiedenen Menschen treffen, die mir von ihren Standpunkten und Sichtweisen berichten und es mir so ermöglichen, ein möglichst… differenziertes Bild von den Vorkommnissen hier zu zeichnen.“
Erwartungsvoll sah sie Herrn Erhardt an, der sich nicht lumpen ließ: Erst drückte er seine Freude darüber aus, dass sich dieses Problems nun endlich angenommen wurde. Er dankte ihr sogar für das Angehen dieser Aufgabe! Als er sie fragt, inwiefern sie über die politischen Verhältnisse in seiner Gegend unterrichtet war, war jedoch alles, was sie tun konnte, den Kopf zu schütteln.
Sie hatte in den letzten Jahren weitaus Besseres – und davon viel zu viel – zu tun gehabt, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Also konnte sie nur hoffen, dass ihr Gegenüber sich erbarmen und ihr seinen Standpunkt gut erklären würde. Andererseits konnte es wohl auch ein Vorteil sein, dass sie mit einem wirklich ungetrübten Blick auf die Dinge achten konnte.
Wissend und mit einem angenehmen Lächeln, das nicht durchblicken ließ, ob ihn das enttäuschte oder ob er genau diese Antwort erwartet hatte, begann er, zu erzählen. Von seiner Partei, die mit ihm an der Spitze in den letzten Jahre gute Arbeit geleistet hatte. Von seiner dritten Amtsperiode, die gerade angebrochen war und davon, wie sehr ihm die Probleme der Wähler:innen zu Herzen gingen. Er hatte wohl schon Vieles probiert, um sich deren Meinungen bewusst zu machen, von Haustürgesprächen über öffentlichen Debatten bis zu Infoständen.
Er zeigte ihr eine Umfrage, die er und seine Untergebenen gerade entwickelten. Sie hatten verschiedene Probleme der Stadt und des Landes identifiziert und aufgelistet, nach Wichtigkeit sortiert. Die Menschen, die sowohl online als auch in Papierform Zugriff darauf bekommen sollten, konnten viele Möglichkeiten dessen, was sie störte, und welche Veränderungen sie dafür wünschten, ankreuzen und so auch zwischen den Wahlperioden ihre Meinung kundtun.
Er war sich auch nicht zu schade, von den Problemen dieses Verfahrens zu sprechen, die sie schon aus vorherigen Durchläufen kannten. Manche Leute nahmen diese Chance der Beteiligung einfach nicht wahr, sondern zerrissen die Bögen, beschmierten sie oder schmissen ihre Stimme weg, indem sie eigene Antworten zwischen die ursprünglichen schrieben, wodurch sich diese Papiere dann auch nicht mehr auswerten ließen. Doch insgesamt hatten solche Projekte ihm immer sehr dabei geholfen, ein Gefühl für die Meinung des Volkes zu bekommen.
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als ein junger Mann anklopfte und, nachdem er hereingebeten worden war, vor dem Schreibtisch Stellung bezog. Er schien zwar genau den gleichen Anzug zu tragen wie der Minister selbst, doch etwas in seinem Blick sagte ihr, dass er in der Rangordnung weit unter ihm stehen musste. Sein ganzes Wesen wirkte irgendwie unterwürfig, und als er die Stimme erhob, wurde diese Einschätzung bestätigt: „Entschuldigen Sie die Störung, doch als ich diese Akten für Sie kopieren wollte, bin ich auf ein Problem gestoßen. Der Drucker wirft eine Fehlermeldung aus, es scheint wohl einen Papierstau zu geben.“
Das gab ihr die Zeit, ihre Augen von dem ernsten, aber offenen Blick des Ministers zu lösen, und sich weiter im Büro umzuschauen. Es gab eine grüne und gut gepflegte Zimmerpflanze, und natürlich hatte sich keines ihrer Blätter gelöst, um auf den Boden zu fallen. An den Wänden hingen Fotos, die den Inhaber des Büros mit allen möglichen wichtigen Personen zeigten, vor Unternehmenszentralen, mit kompetent geschüttelten Händen, eines mit Golftaschen und gleich zwei auf einer Art Dinnerparty.
Herr Erhardt winkte ab, bevor er erklärte: „Das ist kein Problem. Sie können einfach mit dem üblichen Verfahren eine Anfrage auf Reparatur stellen.“
Dankbar nickte sein Untergebener, dann zog er sich zurück und hinterließ den beiden nichts als den Hauch eines teuren, aber dezenten Parfüms und ein unterbrochenes Gespräch, das der Minister jedoch schnell wieder in seine Bahnen lenkte.
Erschreckenderweise hatte es in dieser Wahlperiode immer wieder Angriffe auf die Plakate der Partei gegeben. Sie waren abgerissen, zertreten worden, mit Farbe beschmiert und mit unflätigen Ausdrücken. Schließlich war es sogar so weit gegangen, dass eine unbekannte Person Farbbeutel auf ihr Büro geworfen hatte!
Sie nickte ernst, alleine, um ihn zu beschwichtigen, denn er hatte sich in Rage geredet. Oben auf einer Rednertribüne war er mit seinen raumgreifenden Gesten und volltönender Stimme sicherlich eine imposante Gestalt. Und an seiner Stelle wäre sie natürlich ebenso beunruhigt von diesen Vorkommnissen gewesen.
„Hat es denn auch Angriffe auf Personen gegeben?“, hakte sie nach, denn nach seiner Beschreibung konnte sie sich das durchaus vorstellen.
Das konnte er zum Glück verneinen. Allerdings antwortete er auch, dass er sich nicht wundern würde, wenn sich das bald ändern würde. Vor allem die Graffiti, die an einigen Wänden der Stadt aufgetaucht sein sollten, boten wohl mit ihren Beschuldigungen und Drohungen Anlass zu dieser Sorge.
Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah sie ihn an, in der Hoffnung, er würde das ausführen. Einen besseren Beweis für die erwähnte Spaltung konnte sie ja gar nicht finden. Allerdings schien er selbst kein Interesse daran zu haben, die genauen Inhalte wiederzugeben, denn er wechselte das Thema.
Diese Leute, gemeint waren wohl diejenigen, die solche Graffiti verbreiteten, verstanden einfach nicht, dass Veränderungen Zeit brauchten. Wenn mensch von heute auf morgen alles umschmiss, würde das nur für Chaos und damit Verschlechterungen der Bedingungen in diesem Land sorgen. Er hatte genug ihrer hoffnungslos naiven Parolen gelesen und gehört, um zu wissen, dass sie vom waren Geschäft der Politik keine Ahnung hatten. Zum Glück war diese Art von Leuten rar gesät, wie ihm seine Berater:innen nach eingehenden Untersuchungen mitgeteilt hatten.
Doch er gab zu, dass sein Standing bei der Bevölkerung bei dieser letzten Wahl nicht mehr so gut gewesen war. Fast wäre er nicht zum dritten Mal auf dem Stuhl des Ministers gelandet. Diese Fast-Tragödie hatte ihm gehörig zu denken gegeben und sie hatten sich gemeinschaftlich als Partei zusammengesetzt, um ihre Lehre daraus zu ziehen. Für ihn als selbsternannten Verteidiger der Freiheit war es wichtig, ihr Programm noch einmal auf Herz und Nieren zu prüfen. Tatsächlich hatte er so viel Zeit damit verbracht, dass er die Stadt seit seiner Wahl kein einziges Mal hatte verlassen können.
„Was sind das denn zum Beispiel für Änderungen?“, wollte sie wissen.
Langsam wurden es doch ganz schön viele Informationen. Nächstes Mal würde sie mit einem Notizbuch antanzen müssen, um sie über längere Zeit behalten zu können. Jedenfalls hoffte sie, dass sie seinen Redeschwall im Gedächtnis behalten konnte, bis sie die Chance haben würde, ihn zu verschriftlichen.
Er begann mit einem Vorschlag, der ihr vage bekannt vorkam, auch wenn sie nicht sagen konnte, aus wessen Mund sie ihn zuletzt gehört hatte. Die Wirtschaft des Landes musste wieder angekurbelt werden, nachdem sie unter den falschen Entscheidungen, die vor seiner Zeit getroffen worden waren, gelitten hatte. Die angehäuften Probleme mussten nun von ihnen gelöst werden, doch er war zuversichtlich, dass es ihnen nach einem harten Kampf gelingen würde.
Und die Bürger:innen dieses Landes hatten es auch verdient, in Unternehmen zu arbeiten, mit denen es bergauf ging, ohne dass sie in ständiger Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes leben mussten. Abgesehen davon, dass auch gleich neue Arbeitsplätze geschaffen werden mussten, indem die Bedingungen für Unternehmen, die sich in der Gegend ansiedeln wollten, so günstig wie möglich gemacht wurden. Nicht dass – das Feuer bewahre – noch mehr von ihnen ins Ausland abwanderten.
Es war natürlich wichtig, sorgfältig auszuwählen, welche Unternehmen gefördert werden würden. Für ihn besonders interessant waren lokale Familienunternehmen, die zwar weit in die Vergangenheit hineinreichten, sich aber auch der Zukunft nicht verwehrten. Grüne Energie und nachhaltige Produktion standen hoch im Kurs, und davon hatte ihr Land zum Glück Einiges zu bieten. Fortschritt sei für ihn, so sagte er, wirklich etwas zu bewegen.
Vielleicht half es ja, sich vorzustellen, sie würde sich all seine Aussagen aufschreiben? Dann hätte sie immerhin später noch die Möglichkeit, genauer darüber nachzudenken. Was er sagte, meinte sie, schon einmal irgendwo anders gehört zu haben, doch momentan fehlte ihr die Aufmerksamkeit, gleichzeitig ihr Interview zu führen und sich wirklich mit dem Inhalt zu beschäftigen.
Doch all diese Änderungen würden nicht leicht werden. Kosten würden an anderer Stelle gespart werden müssen, arbeitsunwillige Subjekte würden sich in den Arbeitsmarkt eingliedern müssen und diejenigen, die in der Hoffnung eingereist waren, hier auf der faulen Haut liegen zu können, würden sich das noch einmal überlegen müssen. Sowieso müsse die ungezügelte Migration begrenzt werden, denn sonst könne all den Menschen hier kein angenehmes Leben in Wohlstand mehr ermöglicht werden.
Und mensch müsse auch aufpassen, wen mensch sich ins Land holte. Es gab genügend Leute, die hierher kamen und dann die falschen Parteien wählten. Mit falschen, präzisierte er sich, meinte er diejenigen, die die freiheitlich demokratische Grundordnung nicht respektierten und sogar drohten, sie zu vernichten. Das durfte auf keinen Fall passieren und er sorgte persönlich mit seinen Vorschlägen dafür, dass seine Partei alles tat, um das zu verhindern.
Außerdem sei seine Partei die einzige, mit der ihr Land wirklich zukunftsfähig sein würde. Die anderen gingen mit ihrem populistischen Geschwätz auf Wähler:innenfang, obwohl sich ihre Vorschläge erstens gar nicht umsetzen ließen oder zweitens die Lage nur verschlimmern würden. Deshalb musste es da eine gewisse Abgrenzung geben, auch wenn er manchmal keine andere Wahl hatte, als mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Sie runzelte die Stirn. Das alles waren Probleme, an die sie vorher nie einen Gedanken verschwendet hatte. Ob seine Vorschläge also wirklich die Lösung für die wirtschaftliche Schieflage darstellen würden, konnte sie nicht beurteilen. Allerdings schien er viel darüber nachgedacht zu haben – und die Menschen des Landes schienen ihm am Herzen zu liegen, denn seine Rede war voller Mitgefühl und Leidenschaft.
Sein flammendes Plädoyer, bei dessen Vortrag er mit geballter Faust in ihr Gesicht geschaut hatte, wurde wie folgt geschlossen: Es sei in diesen stürmischen Zeiten besonders wichtig, das Vertrauen der Bürger:innen in die Politik wiederherzustellen. Wozu natürlich auch diejenigen Institutionen gehörten, die dieses Land schützten und bewahrten, nämlich Armee und Polizei.
Nickend stimmte sie zu: „Von beiden Organisationen werde ich auch noch Vertreter:innen treffen.“
Zufriedenheit machte sich auf seinen glattrasierten Wangen breit. Lächelnd prophezeite er, dass die Veröffentlichung ihres Berichtes zu ihren gemeinsamen Zielen beitragen und hohe Wellen schlagen würde.
Bei diesen Worten musste sie ein erwiderndes Lächeln unterdrücken. Gleichzeitig gemahnte sie sich, wirklich alles zu geben, um dieser Aufgabe gerecht zu werden. Selbstverständlich würde ihr Report Aufmerksamkeit erregen, und das schon alleine aus dem Grund, dass sie vom Feuer erwählt worden war. Das reichte ihr jedoch nicht: Er musste so allumfassend und überzeugend werden, dass ihm auch ohne jeglichen Titel, der ihr verliehen worden war, Aufmerksamkeit geschenkt werden würde.
Bevor sie dieses anstrengende, aber erfüllende Gespräch hinter sich bringen konnte, interessierte sie jedoch noch eine Sache: „Möchten Sie erzählen, wie Ihr Alltag in diesem Beruf aussieht? Damit sich die Leser:innen mehr darunter vorstellen können.“
Den letzten Satz hatte sie noch hinterher geschoben, damit es nicht so wirkte, als hätte sie diese Frage aus rein persönlicher Neugierde gestellt. Auch wenn sie zugeben musste, dass das zuerst der Fall gewesen war.
Ihm bereitete es jedoch keine Probleme, darauf zu antworten. Zuerst einmal wies er den Begriff „Beruf“ zurück, um ihn durch „Berufung“ zu ersetzen, denn so sah er seine Aufgabe hier. Er skizzierte seinen Alltag zwischen Treffen mit anderen Politiker:innen, der Ausarbeitung von Instrumenten der Beteiligung wie den Umfragen, Beratungsgesprächen mit Unternehmensgründer:innen, die ihr Land voranbringen wollten und sich nicht scheuten, dafür persönliche Risiken einzugehen, und zum Schluss zeigte er ihr sogar, wie er über verschiedene Gesetzesvorschläge abstimmte: Er holte einen dicken Stapel Papiere aus seiner Schublade heraus, las das oberste Blatt davon sorgfältig durch und zeigte ihr dann, wie er in ein dafür vorgesehenes Feld am unteren Ende einen Haken setzte – Vorschlag angenommen.
„Es ist ziemlich spät geworden“, bemerkte ihr Gastgeber mit einem Blick auf die Wanduhr am anderen Ende des Raums, deren leises Ticken sie nun wieder aus ihren Gedanken herausholte, „Wie wäre es, wenn wir zu Bett gehen und morgen noch gemeinsam frühstücken?“
„Gerne. Ich danken Euch für Eure Gastfreundschaft.“
„Oh, das ist doch nicht der Rede wert! IHRE Gesandten sind bei uns immer willkommen. Erst recht, wenn sie mit einer so wichtigen Aufgabe betraut sind.“
·
Am nächsten Morgen, nach dem üppigen Frühstück mit warmen Brötchen in verschiedensten Formen, Marmeladen in violett bis orange, Fruchthäppchen an metallenen Spießen und sogar unterschiedlichsten Töpfchen mit etwas, das sie an Pudding erinnerte, verabschiedete sie sich von ihren zuvorkommenden Gastgeber:innen und beschloss, nicht direkt zu ihrem nächsten Ziel zu reiten, sondern der nächsten Stadt einen ausführlicheren Besuch abzustatten.
In erster Linie wollte sie ein Notizbuch kaufen, um ihre Gedanken vom Vortag dort zu sammeln. Sie hatte vorher nicht daran gedacht, da ihre bestickten Satteltaschen mit so vielen Vorräten vollgestopft war – gut haltbare Nahrung, ein kleines Nähset, ein Flaschenöffner –, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen war, etwas könne fehlen.
Dazu kam, dass sie auch einfach neugierig auf diese Stadt, die Herr Erhardt ja praktisch als sein Hauptquartier ausgesucht hatte, war. Sie war unsicher, ob sie Leute auf der Straße ansprechen und nach ihrer Meinung fragen sollte, denn ihr war klar, dass ihre eigentliche Mission uneingeschränkte Priorität besitzen musste, doch sie hatte die Hoffnung, ein paar Neuigkeiten aufzuschnappen.
Köpfe drehten sich und Augen verfolgten sie, als sie die Menge teilte und versuchte, sich nicht mit allzu offensichtlicher Neugierde umzusehen. Auch wenn sie spürte, wie sie angestarrt wurde, wollte sie das nicht unbedingt selbst tun.
Die Stadt sprühte nur so vor Leben und ihr Auge wurde immer wieder von bunte Farben und Bewegungen abgelenkt. Vielfarbige Fahnen, von denen sie einige verschiedenen Ländern zuordnen konnte, den Großteil jedoch nicht, flatterten an den Botschaften aus grauem Beton und Stahl, dunkelgrüne Wimpel waren über die Straßen gespannt und raschelten im seichten Wind. Überall Stimmen, manche fröhlich, manche wütend, die meisten im Plauderton.
Die Menschen waren entweder in Anzüge gekleidet und kamen aus den verschiedenen Botschaften und Ministerien, um die Unternehmenssitze zu besuchen oder umgekehrt, oder sie trugen die Uniformen ihrer Arbeit. Doch der absolut größte Teil von ihnen saß in den zahlreichen Autos, die alle größeren Straßen verstopften. Kein Wunder, denn es war die perfekte Zeit für Berufsverkehr, und sonderlich viele Wohnhäuser hatte sie hier nicht gesehen, sodass die meisten der Bediensteten, Kellner:innen und Verkäufer:innen von außerhalb kommen mussten.
Sie kam an einem Café vorüber, wo jeder der draußen stehenden Tische besetzt war. Mache dieser Menschen waren so tief im Gespräch, dass sie sie gar nicht wahrnahmen. Zwei von ihnen schienen gerade ein Date zu haben, denn sie konnten die Augen nicht voneinander lassen, selbst als der Schatten des prächtigen Pferdes auf sie fiel, was sie zu einem Lächeln veranlasste. Zwischen ihnen huschten Kellner:innen in typischen dunkelgrünen Uniformen umher.
Nun richtete sie ihren Blick auf die Schilder der Läden, an denen sie vorbeikam. Die meisten davon waren Cafés und Restaurants, viele gut besucht von Menschen in Kleidung, die ebenso modern wie das Ambiente war. Ihre Namen, die von großen Ketten, die es im ganzen Land gab, waren ihr wohlbekannt. Von der schwächelnden Wirtschaft, die Herr Erhardt erwähnt hatte, war hier nichts für sie erkennbar.
Ein Schreibwarengeschäft konnte sie allerdings nicht ausfindig machen. Erst, als sie sich etwas von der Hauptstraße entfernt hatte, die zu dieser Uhrzeit eher an eine sich träge windende, dunkelgraue Schlange aus Autos erinnerte, erzählte ihr ein Schild in Form einer Feder, die ein Pergament beschrieb, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie saß vom Pferd ab, band es an und betrat das Geschäft unter dem sanften Klingeln einer Glocke.
Sie nickte dem Mann hinter der Kasse zu, der irgendwo in seinen Vierzigern oder Fünfzigern sein musste und die Geste kurz erwiderte, bevor er sich wieder seinem Magazin zuwandte. Der Laden war klein, eingequetscht zwischen zwei Glasfronten, die mit Schildern und Stickern bedeckt waren, die sie mit ihrer Ansammlung an Telefonnummern, Adressen, Preisen und Quadratmetern verwirrten.
Schöne Notizbücher waren schnell gefunden. Bei den Preisen zuckte ihre Hand automatisch zu dem kleinen Geldbeutel, den sie normalerweise in ihrer Tasche trug, bis ihr auffiel, dass sie mit ihrer Jacke auch ein neues Portemonnaie bekommen hatte. Sie hatte bereits durch dessen Gewicht erspürt, dass es gefüllt sein musste, doch der Anstand hatte ihr, die bisher die ganze Zeit in der Öffentlichkeit unter Beobachtung gestanden hatte, verboten, das zu überprüfen.
Nun, gedeckt von den Regalen voller Tintenfässer, Kugelschreiber und Zubehör für Schreibmaschinen, stellte sie fest, dass sie mehr als genug hatte, um jedes Büchlein zu kaufen, das ihr gefiel. Außerdem war ihr eine Bankkarte anvertraut worden, falls der üppige Bargeldvorrat zur Neige ging. Selbstverständlich konnte das je nach der Länge ihrer Reise geschehen, doch sie wollte es nicht überstrapazieren und entschied sich für ein bescheidenes Notizbuch mit einem Einband aus dunkelgrünem Stoff, das gut verarbeitet aussah.
Dazu genehmigte sie sich einen Füller und zwei Sets mit Patronen. Das sollte definitiv ausreichen, um das Buch zu füllen. Falls es so weit kommen würde, was nicht ganz unwahrscheinlich war, wenn sie jedes Treffen gewissenhaft protokollierte, hätte sie im wahrsten Sinne des Wortes einen schönen Report abzugeben.
Sie bezahlte schnell und verließ den Laden unter erneutem Bimmeln. Sie war von Anfang bis Ende die einzige Kundin gewesen. Jetzt verstaute sie ihre Einkäufe in der Satteltasche, doch anstatt wieder aufzusitzen, befreite sie ihr Pferd von dem Knoten, mit dem sie es an das Geländer gefesselt hatte, und spazierte los, es am Halfter führend.
Je weiter sie in die Eingeweide der Stadt vordrang, desto gleichförmiger erschien ihr die Umgebung. Die gleichen Flaggen und Wimpel, immer wieder. Bald hatte sie das Gefühl, irgendwie im Kreis gelaufen zu sein, obwohl sie sich definitiv vom Anwesen entfernte, Block für Block. Hier wurde sie überraschend fündig, denn die besagten Graffiti, oder zumindest ein Teil von ihnen, der groß genug war, um ihr einen groben Überblick zu verschaffen, taten sich vor ihr auf.
Die meisten waren nicht sehr kreativ: „Erhardt = Lügner“ oder „Ehrloshardt“ oder Ähnliches. Andere hatten gewisse inhaltliche Probleme mit seiner Politik, sie verkündeten „Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit? Danke Erhardt!“ oder „Keine Kohle für Soziales aber Millionen für die Polizei!“, das ihn zwar nicht namentlich erwähnte, aber trotzdem auf seine Politik zurückführbar erschien. Immerhin hatte er gerade diese Organisation selbst erwähnt.
Es waren kaum noch Menschen auf den Straßen, der Berufsverkehr war inzwischen abgeklungen. Doch wo sie durch hell erleuchtete Glasscheiben in de Gebäude sah, begann das Leben wieder zu erblühen. Leute eilten mit Papieren in den Armen durch die Flure, steckten komplex aussehende Gerätschaften zusammen, plauderten an der Kaffeemaschine oder waren mit Headset auf dem Kopf in ernste Gespräche verwickelt.
Sie hatte genug gesehen. Die Strahlen der Sonne wurden von den hohen Betontürmen gebrochen und blendeten, bis sie irgendwann wieder auf ihr Pferd aufstieg, um ihr Licht wenigstens nicht mehr auf Augenhöhe ertragen zu müssen. Zeit, aufzubrechen. Nächtigen konnte sie noch in einer Herberge am Wegesrand, da sie die Gastfreundschaft des Ministers nicht erneut in Anspruch nehmen wollte, nachdem sie sich schon verabschiedet hatte.
Auf der Straße, die wieder aus der Stadt führte, fiel ihr ein junger Mann ins Auge, ebenfalls beritten wie sie. Ihre Blicke kreuzten sich und er trieb seinen Schimmel an, neben ihrem Pferd zu traben. Um sie zu grüßen, tippte er an seinen befederten Hut und nickte.
„Guten Tag, kann ich Euch helfen?“, sprach sie ihn direkt an.
Seine Kleider sprachen von einer gewissen edlen Herkunft, doch einschätzen konnte sie ihn nicht. Die meisten Menschen, mit denen sei nicht direkt verabredet gewesen war, hatten sie angestarrt, doch nie eine richtige Begegnung mit ihr herausgefordert.
„Ich hatte eher gehofft, dass ich Euch helfen kann“, erwiderte er mit einem entwaffnenden Lächeln, „Mein Name ist Elya und ich würde gerne Euer Knappe werden.“
Das verschlug ihr die Sprache. War sie überhaupt von Standes wegen eine Ritterin? Diesen Schlag hatte sie offiziell nie erhalten, auch wenn Ignatius letztendlich eingesehen hatte, nun auf einer Stufe mit ihr zu stehen.
Er missverstand wohl ihr Zögern: „Ich weiß, wie ich mich nützlich machen kann. Seit jungen Jahren trainiere ich das Überleben in der Wildnis, ich bin aber auch in der Etikette bewandert. Ich beschwere mich nie und kann hart arbeiten.“
„Das bezweifle ich gar nicht, doch…“
Nun brach sie selbst ab, unsicher, wie sie den Satz fortführen würde. Dass sie keine Ritterin war, war eigentlich nicht von Belang. Knappe war ja nicht gerade ein geschützter Titel, nur eine anmutiger klingende Bezeichnung für eine Art Assistenten. Das Kämpfen hatte Ignatius ihr auch eher aus Langeweile beigebracht als aus einer offiziellen Pflicht heraus.
„Ich möchte auch gar keine Bezahlung! Ich habe meine eigene Verpflegung dabei und werde euch in keinster Weise zur Last fallen!“
Mühsam unterbrach sie ein Seufzen. Sie lebten in einem freien Land und er konnte gehen, wohin er wollte. Dazu hatte sie keinen guten Grund, ihm das zu verbieten. Wahrscheinlich war er ihr sogar wirklich nützlich und der einzige Grund für ihre innere Abwehrhaltung war einfach ihr Unwohlsein über ihren plötzlichen Rangaufstieg, der umso mehr hervorstach, weil sie vor nicht allzu langer Zeit selbst in Elyas Stiefeln gelaufen war.
„In Ordnung“, stimmte sie zu, „Wir reisen gemeinsam.“
Er strahlte so hell von einem Ohr zum anderen, dass sie fast geblendet wurde. Einen Moment lang wirkte es so, als wolle er vom Pferd springen, um sie zu umarmen, doch er zügelte diese Empfindung, die in einem würdevollen, wenn auch etwas zu enthusiastischen Nicken mündete.